Review: Storium – Onlinespiel für Storygamer

Nach einer dicken Welle an innovativen und sehr erfolgreichen Rollenspielen auf Kickstarter im Jahr 2013 (Fate Core, Hillfolk, 13th Age, Numenera, tremulus, um nur einige zu nennen) ist etwas Ruhe eingekehrt. Hin und wieder reizt mich aber doch ein Projekt, so geschehen bei Storium – The Online Storytelling Game. Mit ein paar Dollar habe ich Beta-Zugang und ein Abo für ein Jahr ab Launch erworben. Und nach den ersten Szenen möchte ich hier schon einmal einen ersten Eindruck wiedergeben.

Meine Suche nach Mitspielern auf Twitter löste gemischte Reaktionen aus:

Franks Bedenken waren grundsätzlich auch meine: Forenspiele waren eigentlich nie so mein Ding. Meine Hoffnung war aber, dass Storium erstens eine gute Benutzeroberfläche für eine Art Forenspiel abgeben (und es gilt die Regel: UI Matters) und zweitens eigene, auf diese Art zu spielen abgestimmte Regelmechanismen mitbringen würde. Ich wurde weder bei der Benutzeroberfläche noch bei den Regeln enttäuscht.

Benutzeroberfläche

Das Spiel selbst ist im Wesentlichen eine responsive Website, die bereits im Beta-Stadium sowohl im Browser als auch auf dem Tablet und dem Smartphone absolut problemlos läuft. Ein echtes Tutorial fehlt derzeit noch, aber die FAQ und die Benutzeroberfläche selbst machen den Einstieg sehr leicht. Dabei hilft auch, dass die meisten Spiele öffentlich gespielt werden, und man sich den Ablauf eines typischen Storium-Spiels, sofern es das schon gibt, abschauen kann.

Beim Aufsetzen eines neuen Spiels wird man als Erzähler (Narrator) gut an die Hand genommen. Es stehen eine Reihe von Welten zur Auswahl, die man 1:1 übernehmen oder selbst adaptieren kann. Die Welten sind generisch genug, um vielen Spielstilen Platz zu bieten, beinhalten aber schon viel Material, das Plot inspiriert: Nichtspielercharaktere, Herausforderungen, Gegenstände, Charakterziele in Form von Karten. Der Erzähler kann diese leicht modifizieren oder eigene hinzufügen, was natürlich auch während des Spiels noch möglich ist. Dann werden Spieler per Username oder E-Mail eingeladen, Charaktere zu bauen.

Auch die Charaktere werden per Baukastensystem erschaffen: Prämissen, Subplots, Stärken und Schwächen können einfach ausgewählt oder selbst geschrieben werden. Ein bisschen Hintergrund dazu, und der Charakter wird zur Freigabe an den Erzähler geschickt, der allenfalls noch Veränderungen einfordern kann.

Dann kann es schon losgehen mit der ersten Szene. Sowohl Erzählerinnen als auch Spielerinnen sehen dabei immer, welche Optionen sie haben, und was gerade vorgeht. Wenn Züge (Moves) gespielt werden, gibt es eine Benachrichtigung im System und via E-Mail. Zusätzlich gibt es einen Chat gleich neben dem Spiel, wo das Metagaming abgehandelt werden kann. Das ist ziemlich wichtig, denn beim asynchronen Spiel muss man sich gelegentlich absprechen, wer was wann macht.

Spielmechanismen

Womit wir schon mitten im Spiel bzw. bei den Mechanismen wären. Es steht ja schon im Titel: Storium ist ein Storytelling Game, orientiert sich also eher an Spielen wie Fiasco als an Dungeons & Dragons. Das Spiel läuft, wie für diese Art von Spielen typisch, in Szenen ab. Es gibt dabei keinerlei Würfel oder andere Zufallsmechanismen, stattdessen werden Karten ausgespielt. Der Erzähler beginnt eine Szene und spielt dabei eine oder mehrere Karten aus, die Herausforderungen darstellen. Das können Nichtspielercharaktere sein, von denen die Charaktere etwas wollen, oder Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Der Erzähler entscheidet, wie viele Punkte eine solche Herausforderung wert ist. Entsprechend viele Karten müssen die Spieler dann ausgeben, um die Herausforderung zu meistern – oder eben nicht.

Die Spielerinnen erhalten bei der Erschaffung jeweils drei identische Stärke- und Schwäche-Karten, also zum Beispiel drei Karten «blitzschnell» und drei Karten «nervös». Dazu kommen fünf Karten für einen bestimmten charakterbezogenen Subplot, so etwas wie «Finde die Wahrheit», und Jokerkarten, die während des Spiels ausgefüllt werden können.

Der Mechanismus dabei ist: Die Spielerinnen erhalten erst wieder neue Stärke- und Schwächekarten, wenn sie alle ihre Karten ausgegeben haben. Mit anderen Worten: Sowohl Stärken als auch Schwächen müssen ins Spiel kommen. Die Texte auf den Karten sind dabei bewusst vage, weil sie jeweils im Kontext der Szene interpretiert werden müssen. Das ist das Schöne an diesem Mechanismus: Die Spieler werden dadurch gezwungen, so zu spielen, wie sie erschaffen wurden, und gleichzeitig dazu inspiriert, ihre Karten möglichst kreativ einzusetzen. Eine Herausforderung geht zwar schlecht aus, wenn man mehr Schwäche- als Stärkekarten spielt, dafür hat man nachher noch Stärkekarten auf der Hand …

Weiter verstärkt wird diese Idee durch ein Spiel mit dem Erzählrecht: Derjenige Charakter, der eine Herausforderung abschließt, egal ob positiv oder negativ, darf das Ende der Szene in seinem Zug beschreiben und damit die Handlung weitertreiben.

Testspiel

Alex und Phil haben sich netterweise bereiterklärt, mal ein paar Szenen mit mir zu spielen. Ich habe bewusst nur die Standard-Cyberpunkwelt mit ihren Charakteren und Herausforderungen genommen und nicht viel Plot geplant. Schließlich geht es hier ja auch um Player Empowerment, die Spieler sollten den Plot also mitgestalten. Also schrieb ich mal die erste Szene, in der die Charaktere angeheuert werden, und ließ den Rest auf mich zukommen.

Und genau hier sehe ich die große Stärke von Storium: Ich liebe Storygames und die Möglichkeit, ohne Vorbereitung gemeinsam tolle Geschichten zu entwickeln. Aber das ist oft eine echte kreative Herausforderung, denn damit das Spiel weiterläuft, müssen die Ideen ständig fließen. Bei Storium haben Erzählerinnen und Spieler Zeit genug, ihren nächsten Zug zu planen und neue Ideen auszuhecken. Und wenn es doch zu lange dauert, gibt es ein Feature namens «Poke Laggards».

Spielmechanik, Benutzeroberfläche und Spieler haben sich bei unserem Test bisher wunderbar zusammengefügt. Wir haben den Plot gemeinsam nach vorne getrieben, ich hatte genügend Muße, die Ideen der Spieler einzubringen und musste mir gar nicht so viel selbst ausdenken. Und vor allem hatten die Szenen einen schönen, knackigen Rhythmus.

Bei einer anderen Story, bei der ich Spieler bin, funktioniert das weniger gut. Die SpielerInnen produzieren regelrechte Textwände, und es gibt leider sieben von ihnen, wodurch alles elendig in die Länge gezogen wird. Storium empfiehlt maximal fünf Spielerinnen und Spieler inklusive Erzähler. Daran sollte man sich wohl halten. Gleichzeitig handelt es sich um eine Detektivgeschichte, bei der von Anfang an klar gemacht wurde, dass die Hinweise vom Erzähler kommen, selbst wenn ein Charakter eine Szene abschließen kann. Damit nimmt man sich von Anfang an das wichtige Element von Player Empowerment. Es würde wohl besser funktionieren, wenn der Erzähler es auch zugelassen hätte, dass die Spieler den Plot mitgestalten.

Fazit

Storium ist für mich kein Forenspiel mit abgefeilter Seriennummer. Es ist ein asynchrones Online-Storygame mit einem einfachen, aber sehr soliden Spielmechanismus, einer spezifisch für dieses Spiel gebauten und äußerst spielerfreundlichen Benutzeroberfläche und einer großen Menge an inspirierendem Spielmaterial. Letzteres wird übrigens dank der vielen erreichten Stretchgoals der Kickstarter-Kampagne noch viel stärker ausgebaut. Meine Prognose: Storium is here to stay.

P.S. Wenn wir schon bei Crowdfunding sind: The Dreamlands hat es fast geschafft. Dank Crowdinvestment hat die Produktion schon mehr als 150.000 Euro Budget zusammengebracht. Eine unglaubliche Leistung für einen unabhängigen Genrefilm aus Deutschland. Der Knackpunkt: Auch die Crowdfunding-Kampagne auf IndieGogo muss ihr individuelles Ziel erreichen, sonst geht dieses Geld wieder flöten. Und es kann echt nicht sein, dass wir die 40.000 Euro nicht zusammenkriegen! Also bitte, tut was.

4 Comments

  1. Klingt interessant, allerdings kenne ich mich und befürchte, dass ich auf Dauer nicht am Ball bleiben würde. Aber abgesehen davon, wie schaut es mit Mitspielern aus? Die Begeisterung meiner Rollenspielkollegen hält sich für derartige „Forenspiele“ in Grenzen, kann man auf der Plattform gut Mitspieler finden? Und wo kann man mal so ein öffentliches Spiel einsehen, oder muss man angemeldet sein?
    Beste Grüße
    Sorben

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    • Auf der Plattform lassen sich für englischsprachige Spiele sehr leicht Mitspieler finden. Du kannst ein Spiel auf „Open Invite“ stellen, dann kann prinzipiell jeder mitspielen. Und es gibt ein Forum, wo man sich findet. Aber Zeitzonen sind ein Problem …

      Ich fürchte, man muss angemeldet sein, um die öffentlichen Spiele einzusehen. Um die $10 für den Betazugang kommt man nicht herum.

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